
Während wir heute Outdoor-Abenteuer und Spaß mit einem bunten Herbst assoziieren, stand bei den alten Meistern des Haiku etwas anderes auf dem Programm. Vergänglichkeit, Einsamkeit, das Sterben und der Tod waren ihre Themen.
Eine wichtige Rolle im Herbsthaiku spielte der drohende Winter mit all seinen Unannehmlichkeiten und Unberechenbarkeiten für das Leben; ebenso wie die alljährliche Nässe, Abschied und Trauer. Auch der Kürbis fehlt nicht, ebenso wie sein farbliches Pendant, die Kaki-Frucht. Ich mag es, denn die Melancholie stand mir stets näher als das bunte Abenteuer. Siehe auch: 20 traditionelle, japanische Winterhaiku
20 Herbsthaiku
urayamashi utsukushu natte chiru momiji
Beneidenswert –
wenn sie schön sind, fallen sie,
die Ahornblätter.
Kagami Shiko
hoshi sude ni aki no manako wo hirakikeri
Die Sterne haben
ihre Herbstaugen
bereits geöffnet.
Ozaki Koyo
aki chikaki kokoro no yoru ya yo jo han
Der Herbst naht –
die Herzen rücken zusammen
im kleinen Zimmer.
Matsuo Basho
Im Original ist es ein Raum mit vier Tatami (Reisstrohmatten). In modernen Hochhäusern oder westlichen Wohnungen wird aber oft Quadratmeter (m²) verwendet, weil Tatami dort nicht mehr der Standard ist. Trotzdem bleibt das System der Tatami-Einheiten (jo) in vielen Bereichen eine etablierte Maßeinheit.
meigetsu ya ike o megurite yomosugara
Herbstvollmond –
um den Teich wandernd,
die ganze Nacht.
Matsuo Basho

ura o mise omote o misete chiru momiji
Ihre Rückseiten zeigen sie,
dann ihre Vorderseiten –
fallende Ahornblätter.
Ryokan Taigu
naku na kari dokko mo onaji ukiyo zo ya (1813)
Klagt nicht, Wildgänse –
überall ist’s dieselbe
vergängliche Welt.
Kobayashi Issa
yama momiji irihi wo sora e kaesu kana (1792)
Rote Bergblätter –
die Abendsonne kehrt
in den Himmel zurück.
Kobayashi Issa
akikaze ya hotoke ni chikaki toshi no hodo (1808)
Herbstwind –
die Jahre tragen mich
näher zu Buddha.
Issa
Das Haiku drückt das Fortschreiten der Jahre und die Annäherung an den Tod aus, aber ohne Traurigkeit, eher mit einer Art ruhiger Akzeptanz.
honobono to shoji ni utusuru momiji kana
Im Halblicht
zeichnen sich Ahornblätter
auf dem Shoji ab.
Murakami Kijo (1865 – 1938)
Das Rot der Ahornblätter ist draußen leuchtend, aber auf der Shoji-Wand nicht sichtbar. Die Shoji ist aus lichtdurchlässigem Papier, das Formen und Schatten durchlässt, aber keine Farben.
Kijo war einer der bedeutendsten Haiku-Dichter seiner Zeit und ist bekannt für seine Beiträge zur Entwicklung des modernen Haiku. Er war auch ein enger Freund und Schüler von Masaoka Shiki.
ne-yo kakashi hito-yo kawara-mu kyo no tsuki
Schlaf, Vogelscheuche!
Heute Nacht wacht der Vollmond
über die Felder.
Yokoi Yayu
Yokoi Yayu (1702–1783) war ein Samurai, Gelehrter des Kokugaku und ein Meister des Haibun. Er diente in hohen Ämtern, bevor er sich ins Privatleben zurückzog. Als Poet verband er Haikai, Waka und chinesische Dichtung mit einem originellen und scharfsinnigen Stil.

Ikikaeru ware ureshisa yo kiku no aki
Wie neu geboren,
zu meiner großen Freude –
Chrysanthemen im Herbst!
Natsume Sôseki
meigetsu no kokoro ni nareba yo no akeru (1798)
Wenn das Herz
dem Herbstmond gleicht,
ist licht die Nacht.
Kobayashi Issa
Wenn man den Mond mit dem Herzen sieht, wird die Nacht hell. Das Licht des Mondes ist nicht nur physisch, sondern auch geistig spürbar. Die Wahrnehmung verändert die Realität – das eigene Herz macht die Nacht lichter. Das Haiku spielt mit subjektiver Wahrnehmung und dem Gedanken, dass innere Schönheit die äußere Welt erhellen kann. Das Adjektiv „licht“ wirkt altmodisch, es kann missverstanden werden, wenn man zu schnell liest. Ich fand es aber treffend, schließlich ist Issas Haiku schon 227 Jahre alt, das darf man auch irgendwie merken. Nennen wir es traditionelle Eleganz.
kirigirisu jisai wo noboru yosamu kana
Der Grashüpfer klettert
am Kesselhaken empor –
kalte Herbstnacht.
Yosa Buson
ushiro sugata no shigurete yuku ka
eine Gestalt
die in der Ferne verblasst –
Herbstregen
Taneda Santoka (1882–1940)
Santoka war für seinen freien, unkonventionellen Stil bekannt ist. Im Gegensatz zu den traditionellen Haiku, die oft strenge formale Regeln befolgten, schrieb Santoka in einer freieren Form ohne die übliche Silbenstruktur. Sein Leben war geprägt von persönlichen Krisen, Armut und Alkoholismus, was sich in seinen Gedichten niederschlug. Santokas Haiku gebe ich mit veränderter Rechtschreibung und reduzierter Interpunktion wieder.
aki nare ya konoma konoma no sora no iro
Es ist Herbst geworden –
zwischen den Bäumen
mattes Himmelsblau.
Yokoi Yayu
Te ni nosete kaki no sugata no horebore akaku
in meiner Hand
die Kaki –
zum Staunen rot
Taneda Santoka
aomuite nagamuru asu no ochiba kana
Nach oben blickend,
sehe ich die fallenden
Blätter von morgen.
Yokoi Yayu
kareeda ni karasu no tomari keri aki no kure
Auf dem kahlen Zweig
sitzt eine Krähe –
Herbstdämmer.
Matsuo Basho
Eines der bekanntesten und häufig zitierten Haiku von Basho.
meigetsu ni omoukoto ari warehitori
Herbstmond –
grübelnd.
Ich bin allein.
Masaoka Shiki
Während viele Haiku fallende Blätter direkt beschreiben, ist dieses besonders, weil der Blick in die Zukunft gerichtet ist – die Blätter, die morgen fallen werden.
yuku ware ni todomaru nare ni aki futatsu
Ich gehe,
du bleibst –
zwei Herbste.
Masaoka Shiki
Wie rätselhaft …
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Werkstattbericht
Die Illustrationen auf dieser Seite stammen von DALL-E, die Übersetzungen von Lenny Löwenstern. Bei der Übertragung der Haiku aus dem Japanischen kamen moderne Werkzeuge zum Einsatz, darunter ChatGPT und Claude. Die Haiku wurden nicht automatisch übersetzt – jede Zeile ist bewusst gestaltet, sorgfältig abgewogen und sprachlich verfeinert. Jedes Haiku wurde individuell bearbeitet, um Wesen und Ausdruck zu bewahren. Dabei spielt meine langjährige dichterische Erfahrung ebenso eine Rolle wie meine Arbeit als Wörtersammler und Schriftsteller.