
Was wäre das japanische Haiku ohne Sake? Gäbe es womöglich gar nicht. Wenn nicht Dichter unterm Mondlicht in klaren Nächten zum Krug gegriffen hätten … Hier sind einige zauberhafte Exemplare aus jener alten Zeit, verfasst von den noch immer bewunderten Größen des Genres.
asa fuji ya toso no chôshi no kuchi no saki
Fuji am Morgen –
der Neujahrssake wartet
an meinen Lippen.
Autor: Kobayashi Issa
hatsu yuki ya sakaya saiwai tsui tonari (1822)
Der erste Schnee –
im Sake-Laden
liegt das Glück gleich nebenan.
Autor: Kobayashi Issa
furusatoya sakewa oshikuto sobano hana (1774)
Meine Heimat –
auch wenn der Sake nichts taugt,
Buchweizen blüht.
Autor: Yosa Buson
sobetsu no tsuki samuku sake o tsuyoi ni keri
Abschied unterm Mond –
der Sake ist kalt
und stark.
Autor: Kawahigashi Hekigotô
ぼろ売って酒買うてさみしくもあるか
boro utte sake kōte samishiku mo aru ka
Lumpen verscherbelt,
Sake gekauft –
und trotzdem einsam?
Autor: Taneda Santoka

一杯やりたい夕焼空
ippai yaritai yuyake-zora (1931)
ein Schluck
Sake jetzt …
roter Abendhimmel
Autor: Taneda Santoka
sake ga yamerarenai ki no me kusa no me
ich kann vom Sake nicht lassen –
die Bäume schlagen aus
das Gras grünt
Autor: Taneda Santoka. Siehe: Gehen, Trinken, Zen – Haiku von Taneda Santoka
よい宿でどちらも山で前は酒屋で
yoi yado de dochira mo yama de mae wa sakaya de (1933)
ein großartiges Gasthaus –
ringsum Berge
und davor ein Sake-Laden
Autor: Taneda Santoka
shimo hyakuri shuchuni ware tsukiwo ryousu (1775)
Hundert Meilen weit der Frost
vom Sake temperiert –
gehört der Mond jetzt mir.
Autor: Yosa Buson
Im Original spricht Buson von hundert Ri, das ist eine alte japanische Maßeinheit, etwa 392 km), sie ist hier als große Weite zu verstehen.

.朧夜や酒の流し滝の月
oboro yo ya sake no nagareshi taki no tsuki (1818)
Neblige Nacht –
der Sake strömt hinab,
Mond und Wasserfall vereint.
Autor: Kobayashi Issa
Ein Gedicht über das Saketrinken. Dieses Haiku beschreibt nicht nur einen Moment, sondern eine Erfahrung, eine Verschmelzung von Wahrnehmung, Rausch und Natur. Trinker und Getränk werden eins.
闇の夜に段々なるぞ種瓢
yami no yo ni dan-dan naru zo tane fukube (1804)
Dunkle Nacht –
nach und nach ertaste ich
den Flaschenkürbis.
Autor: Kobayashi Issa
Der Kürbis ist sowas wie eine Wasserflasche, nach der Issa in der Nacht tastet. Leicht, billig, weit verbreitet. Getrocknet und ausgehöhlt als natürliche Wasserflasche oder für Sake. Ideal für Reisen oder für die Nacht, weil er robust und tragbar war
酒なくて詩なくて月の静かさよ
sake nakute, shi nakute, tsuki no shizukasa yo
Kein Sake,
kein Gedicht –
Mondstille.
Autor: Soseki Natsume
Ist es eine Feststellung? Eine resignierte Einsicht? Oder ein humorvolles Eingeständnis?
hotaru ko yo hotaru ko yo to yo hitori-zake
Glühwürmchen, komm!
Komm, Glühwürmchen!
Soll ich allein trinken?
Kobayashi Issa
酒少し徳利の底に夜寒哉
Eine Neige Sake
am Boden der Flasche –
die Kälte der Nacht.
Autor: Soseki Natsume
sokai no nami sake kusashi kyo no tsuki
Blauer Ozean,
die Wellen riechen nach Sake –
der Mond heute Abend …
Autor: Matsuo Basho
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Werkstattbericht
Die Illustrationen auf dieser Seite stammen von DALL-E, die Übersetzungen von Lenny Löwenstern. Bei der Übertragung der Haiku aus dem Japanischen kamen moderne Werkzeuge zum Einsatz, darunter ChatGPT und Claude. Die Haiku wurden nicht automatisch übersetzt – jede Zeile ist bewusst gestaltet, sorgfältig abgewogen und sprachlich verfeinert. Jedes Haiku wurde individuell bearbeitet, um Wesen und Ausdruck zu bewahren. Dabei spielt meine langjährige dichterische Erfahrung ebenso eine Rolle wie meine Arbeit als Wörtersammler und Schriftsteller.